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Energie & Management, Ausgabe 13, 2014

LBD BERATUNGS- GESELLSCHAFT BERLIN Fortsetzung folgt WELT POTENZIAL B iogas steckt noch in den Kinderschuhen.“ Dieses Zitat könnte vielen Experten der Branche in den Mund gelegt werden, ohne falsch zu lie- gen. In der Tat ist die Geschichte des Biogases respektive von dessen Pro- duktion noch sehr jung. Zwar hatte schon der französische Mikrobio- loge und Chemiker Louis Pasteur in der Mitte des 19. Jahrhunderts erste Ideen entwickelt, wie man Biogas energetisch verwerten kann. Doch errang dessen Nutzung in Deutsch- land erst im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, abgesehen von ei- nigen Bastleranlagen sowie diversen Forschungsvorhaben, eine nennens- werte wirtschaftliche Bedeutung. So weist die Statistik für Anfang der 1990er Jahre eine elektrische Gesamt- leistung von ein paar Megawatt aus, verteilt auf einige hundert Biogasan- lagen. Nur zwanzig Jahre später ist die Branche zu einer ernst zunehmen- den Größe im Energiegeschäft her- angewachsen: Mit knapp 4 000 MW installierter Leistung hat sie sich im Konzert der erneuerbaren Energien inzwischen behauptet und kann, im Gegensatz zur Wind- und Sonnen- energie, heute schon bedarfsge- recht Strom bereitstellen. Neben der Stromproduktion ist die Direktein- speisung von Biomethan ins Gasnetz technisch kein Problem mehr, so dass der eeffiziente Transport des Gases zum Verbraucher möglich geworden ist. Darüber hinaus nimmt der Ein- satz von Biogas im Mobilitätsbereich zu, weil außer der Elektromobilität keine Antriebsart eine derart gute Energiebilanz aufweist und zudem auch noch preisgünstig ist. Für eine Branche, die noch in ihren Kinderschuhen steckt, ist allein dies schon eine bemerkenswerte Ent- wicklung. Wie wird es erst sein, wenn Biogas tatsächlich erwachsen wird? Werden dann Konzerne wie Linde, Clariant, Siemens und Wacker das mühsam erarbeitete Wissen vieler Pioniere aufkaufen und anschließend im großen Maßstab die Nutzung des Biogases propagieren?Vielleicht. Allerdings liegen zwischen Kind- heit und Erwachsensein schwierige, manchmal turbulente Phasen. Diese sind für die Biogasbranche ange- brochen, seit die Große Koalition im April 2014 ihre Novelle zum Erneuer- bare-Energien-Gesetz vorgelegt hat. „Wenn der Bundestag diese Novelle so verabschiedet, wie sie derzeit vor- liegt, dann bedeutet dies das Aus für die Biomethaneinspeisung“, warnt Reinhard Schultz, Geschäftsführer des Biogasrates, der seit seiner Grün- dung im Jahr 2009 vornehmlich die Interessen der größeren industriellen Biogasproduzenten vertritt. Kaum noch Zubau im Binnenland zu erwarten Allerdings kriselt es auch wegen un- sicheren Zukunftsperspektiven bei vielen landwirtschaftlich geprägten Betreibern. Noch heftiger erwischt es mittelständische deutsche Bio- gasfirmen, ist doch angesichts der jetzigen Rahmenbedingungen kaum noch Zubau im Binnenland zu er- warten. Allenfalls Aufträge im Aus- land können für viele Hersteller die drohenden Einbußen in Deutschland teilweise wettmachen. Jedoch birgt die momentane Flaute auch die Chance einer Neuausrich- tung und der Reflexion der zurücklie- genden Jahrzehnte. Der Fachverband Biogas, der im Jahr 1992 gegründet wurde und dessen erster Vorsitzen- der Erwin Köberle war, hat sich in den letzten Jahrzehnten als wich- tigste Stimme der Branche etablieren können. Heute zählt der Fachverband fast 5 000 Mitglieder und feiert in drei Jahren sein 25-jähriges Jubiläum. Der langjährige Hauptgeschäftsführer Claudius da Costa Gomez sagte kurz nach der Vorlage der EEG-Novelle kämpferisch, dass es sich lohne für die Branche zu kämpfen,„auch wenn man heute genauso wie gestern belä- chelt wird und man oft das Gefühl der Ohnmacht hat.“ Und in der Tat hat die Materie Bio- gas bis heute nicht den Smart-Effekt wie Photovoltaik oder Elektromobili- tät erreicht. Der Grund hierfür liegt auf der Hand: Es geht beim Biogas nicht nur um Mechanik, Verfahrens- technik und Elektronik, sondern eben auch um viel Biologie und Bio- chemie, die in der Kombination mit der Verfahrenstechnik eine komplexe Angelegenheit darstellt. Außerdem sind Exkremente sowie Abfälle und Biomasse aus Energiepflanzen eben nicht so urban-clean wie ein Solar- modul. Vielleicht ist dies auch ein Grund dafür, dass Biogas zu keiner Zeit ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit vorgedrungen ist. Es waren wenige Einzelakteure, die in 1970er und 1980er Jahren die Chan- cen erkannten. Dazu gehörte auch Heinz Schulz, der als früherer Landwirtschafts- direktor der Landtechnik in Wei- henstephan als einer der wichtigen Wegbereiter der Biogastechnik gilt. Er lud 1979 nach Benediktbeuren ein, wo er Interessierten eine Biogasanla- ge zeigen wollte, bevor sie nach mehr als zwei Jahrzehnten Betrieb abgeris- sen werden sollte. Schulz erwartete nur eine Handvoll Besucher, doch es kamen Hunderte. Dieser Ansturm war vor allem im Bundesland Bay- ern die Initialzündung, die Biogas- technologien weiter zu erforschen. Angesprochen von diesem Thema fühlten sich in erster Linie Landwir- te, darunter viele Bio-Landwirte, die bei der Biogasnutzung nicht nur an Energieerzeugung dachten, sondern sich zugleich eine bessere Dünger- verwertung durch den bakteriellen Aufschluss von Mist und Gülle erhoff- ten. Insofern spielte der ökologische Landbau in den 1980er Jahren im süddeutschen Raum eine treiben- de Rolle. Parallel dazu gab es in der Schweiz wichtige Aktivitäten. Unter dem Begriff Kompogas gelang es Vor- reitern wie Arthur Wellinger, die Bio- gastechnik auch für die Verwertung von Bioabfällen anzuwenden. Im Jahr 1991 trat das Stromeinspei- sungsgesetz in Kraft, das auch den Biogasakteuren neue Chancen bot. Mit gesetzlich festgelegten Tarifen lohnte sich nun die Verstromung des Biogases in Blockheizkraftwerken. Durch das Kreislaufwirtschaftsgesetz waren auch die Abfallentsorger auf die Biogaserzeugung aufmerksam geworden. In den 1990er Jahren gab es viele Landwirte, die ihre Biogas- anlagen mit hofeigenen Reststoffen und Abfällen aus der Lebensmittel- produktion fütterten, denn für die Abnahme der biogenen Abfälle be- kamen sie einen Entsorgungsboni. Als dann in Troisdorf Andreas Krieg und andere Biogas-Vordenker die ersten Versuche mit der Vergärung von Pflanzen erfolgreich durchführ- ten, eröffneten sich ganz neue Pers- pektiven. Gras und Mais ließen sich nun vergären. Doch bedurfte es mehr als zehn weitere Jahre, bis mit der ersten Novelle des EEG im Jahr 2003 und dem darin enthaltenen Bonus für nachwachsende Rohstoffe der endgültige Durchbruch der Biogas- technologie gelang. Biogas nicht im Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit Der Boom setzte ein, immer mehr Flächen wurden zum Energiepflan- zenanbau herangezogen. Die Preise für Biomasse stiegen und die Phan- tasie kannte keine Grenzen. Biogas- leitungen aus dem europäischen Osten wurden erdacht − und wieder verworfen. 2007 wurde in Pliening bei München die erste Biomethan- einspeiseanlage errichtet, ein Jahr vorher hatte in Jameln im Wendland die erste Biogastankstelle eröffnet. Wichtig für den Aufstieg des Biogases war auch die Entwicklung des Bio- dorfs Jühnde, wo die gesamte Wär- meversorgung auf Biomasse basiert. Dagegen schadeten − neben dem rabiaten Maisanbau − Biogasanla- gen wie in Penkun dem Renommee. Dort wurden 40 Anlagen mit jeweils 500 kW elektrischer Leistung in Reihe geschaltet. Dieses Modell versprach für den Betreiber zwar optimale Einspeisevergütungen, allerdings auf Kosten ökologischer und klima- politischer Sinnhaftigkeit. Solche Beispiele brachten die Biogas-Ent- repreneure vielerorts in Misskredit − auch bei den Landwirten, die den Anlagenbetreibern vorwarfen, die Landpreise in die Höhe getrieben zu haben. Zudem ging die Entwicklung, diametral zu den Ursprüngen, im Großen und Ganzen an der Bioland- wirtschaft vorbei. Dabei beschreibt die Biogastech- nologie derzeit eine steile Lernkur- ve: Effizienzsteigerungen von vielen Prozenten liegt im Bereich des Mög- lichen. Leistungsfähigere BHKW, op- timalere Gärbiologie, passgenauere Energielieferung, lokale Wärmenetze oder auch Ansätze, das Kohlendi- oxid im Biogas auf biologische Weise zu Methan umzuwandeln, stehen zur Disposition. Überdies wird mehr Nachhaltigkeit und Vielfalt auf den Äckern angestrebt. Auch die Bioland- wirtschaft scheint die Biogasnut- zung wieder neu zu entdecken. Kurz um: Auch wenn die EEG-Novelle die ganze Branche durcheinanderwir- belt, wird Biogas mit Sicherheit weiter Geschichte schreiben.  Kurze Geschichte mit steiler Lernkurve Auch wenn die EEG- Novelle die ganze Branche durcheinanderwirbelt, wird Biogas mit Sicherheit weiter Geschichte schreiben. VON DIERK JENSEN Die Aufbereitung und Einspeisung von Biogas in das Erdgasnetz − wie hier in Mühla󿿩er − ist technisch kein Problem mehr 1. Juli 2014 23ERNEUERBARE Bild:StadtwerkeMühlacker

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